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WEIHNACHTSZEIT
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Nordseeküste Im Dezember 1942 störte mich mein Vater bei den Schularbeiten. Er sagte: "Ich habe ein besonderes Anliegen an Dich!" Ich war 16 Jahre alt. Wenn er so sprach und nicht befahl, war das verdächtig. "Was soll ich tun?" "Ich möchte das du den Weihnachtsmann spielst." "Ich möchte es aber nicht." "Du wirst es. " "Die Frauenschaft hat im ehemaligen Arbeitsdienstlager einen Kindergarten eingerichtet, in den jetzt manche Kinder gehen, die ihren Vater verloren haben." "Ich mag keine roten Flattermäntel, keinen Wattebart und auch keine rote Kasperlemütze auf dem Kopf." Vater lächelte: "Du wirst einen richtigen Kriegsweihnachtsmann spielen." "Was ist ein Kriegsweihnachtsmann?" Oben liegt ein grauer gesteppter Soldatenmantel aus dem Weltkrieg. Mutter wird ihn dir zurecht machen. So geschah es. Mutter säumte den Mantel mit Pelzstreifen und Vater befestigte goldblecherne Sterne daran. Ich durfte meine neuen, aus Frankreich importierten Stiefel anziehen, darauf Ledergamaschen die noch im Stall lagen. Sie stammten auch aus dem Weltkrieg. Die Mütze hatte allerdings etwas Orientalisches. Sie war ein bunter Kaffeewärmer, an den Mutter innen Hanfhaare befestigt hatte. Aus Hanf war auch der Bart. Ich bastelte mir ein goldenes Rohr, mit dem ich in die Herzen der Kinder gucken wollte. Ich hatte mir für die Weihnachtsfeier einige Späße ausgedacht und freute mich schon darauf. Im Kindergarten übten die Frauen fleißig mit den Kindern Weihnachtslieder und offenbar wurde ihr Verhalten eingepaukt. Als ich den Raum betrat, mußten sie aufstehen, sich gerade hinstellen und ein Weihnachtslied vorsingen. Ich wollte die Kinder für ihren Gesang loben. Aber schon musste ein Kind ein Gedicht aufsagen, dann ein anderes Kind. Sich mit einem Gedicht quälen dann noch ein Lied, und dann endlich durfte der Weihnachtsmann. Nein, er durfte nicht. Er sollte aus einem großen Buch, das er im Flur gefunden hatte, die kleinen Vergehen der Kinder vortragen und diese zu besserem Betragen auffordern. Sonst gab es keine Geschenke. Ich las und schüttelte nur den Kopf: "Oh, oh! Na, na. Sowas!" Ich überlegte ob ich den Kindern vorhalten sollte, dass sie nicht gut gegessen hatten, sich manchmal zankten, einer beim wilden Spielen mal in die Hose gepinkelt hatte, ein anderer gerne Kraftausdrücke benutzte. Doch als ich den bärtigen Kopf hob, fing ein kleines hageres Mädchen heftig zu weinen an. Selbst der mollige freche Wolfgang, den ich kannte, machte ein ängstliches Gesicht. Da schlug ich das Buch zu und behaubtete, dass ja nur Gutes über die Kinder darin stände, freute mich und wollte nun das kleine Mädchen aufmuntern. Dass man nicht immer artig sein konnte, wusste "der Weihnachtsmann" nur zu gut. Hauptsache, sie wollten sich bessern. Ja das wollten sie. Aber das kleine Mädchen weinte immer noch Ich ging scherzend zu ihm hin, um es etwas zu kitzeln. Da lachte es durch die dicken Tränen. Aber dann machte ich einen groben Fehler. Ich fragte die kleine nach ihrem Weihnachtswunsch. Sie flüsterte mir ins Ohr: "Eine schöne Puppe." Die würde sie bekommen, versprach ich. Ach, wie sie sich freute! Anschließend sangen die Kinder noch zwei Lieder, darunter auch O, du fröhliche..." Ich war unzufrieden. Das war keine fröhliche Weihnachtsfeier: Und das weinende Lenchen? Wie konnte der Weihnachtsmann ihr eine Puppe versprechen? Ihr Vater war gefallen. Die Mutter konnte sicher keine kaufen. Schöne Puppen gab es ohnehin kaum noch. Ich überredete meine Zwillingsschwester - sie war eine Leseratte - und sie gab für etliche Bücher eine ihrer schönsten Puppen her und ihre Puppenwiege dazu, die ich auffrischte und am Heiligen Abend dem Lenchen brachte. Lenchens Freude war riesengroß und die Mutter von Herzen dankbar. Drei Jahre später bin ich heimgekehrt als Kriegsversehrter und Lungenkranker. Da hat die Mutter ihr Lenchen losgeschickt, damit sie mir zwei Eier vor die Haustür legen sollte. Das war der Beginn einer Rettungsaktion für mich, den Tbc-Kranken. Viele Monate lang lag immer etwas Essbares vor der Küchentür, mal zwei Eier, mal ein Kännchen Milch, dann ein Ende Wurst, auch ein Stück Brot. Es war im Hungerjahr 1946! Ich wurde Gesund. |
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