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Der stolze Weihnachtsstern
Eine Fabel von Esther Schönwandt

Im kleinen Blumenladen an der Ecke stand ein grosser, weisser Weihnachtsstern im Schaufenster. Jeden Morgen zur Ladenöffnungszeit hat die Floristin den Topf des Weihnachtssterns etwas zur Seite geschoben, damit die kleinen, roten Weihnachtssterne auch etwas zur Geltung kamen. Das passte dem eitlen, weissen Stern überhaupt nicht. Er wollte seinen Sonnenplatz auf gar keinen Fall mit den anderen Pflanzen teilen. So schob er sich jeden Abend, nachdem die Floristin nach Hause ging, wieder zurück ins Licht der Strassenlampe. Nachts wurde er dann von der Strassenlampe erleuchtet. Das bewirkte, dass viele Spaziergänger einen Moment stehenblieben um den Weihnachtsstern zu bestaunen.

Ab und zu bewunderten Kunden den weissen Weihnachtsstern und dachten über einen möglichen Kauf nach. Das gefiel dem Weihnachtsstern allerdings nicht. Er hatte absolut keine Lust in irgend einem Wohnzimmer zu stehen und von niemandem bewundert zu werden. So reagierte er immer sehr zurückhaltend, wenn Kunden seinen Topf berührten um die Pflanze von allen Seiten zu betrachten. So machte er es sich zur Angewohnheit und stellte immer wie eine Katze zur Verteidigung seine Blätter in die Höhe um möglichst unvorteilhaft auszusehen.

So stand der stolze Weihnachtsstern jeden Tag im Schaufenster des kleinen Blumenladens. Er erfreute sich tagsüber der Bewunderungen der Passanten und glänzte zauberhaft während der Nächte.

So nahm der Monat Dezember seinen Lauf und Weihnachten kam näher. Mehr und mehr Kunden besuchten das Blumengeschäft, aber niemand hat sich an den grossen, weissen Weihnachtsstern gewagt. Aus unerklärlichen Gründen fanden alle Betrachter, dass die Pflanze im Schaufenster einfach viel schöner aussah als aus der Nähe. Ja und so kam es dann auch dass am Nachmittag des Heiligen Abends der stolze Weihnachtsstern immer noch im Schaufenster stand. Nur war er mittlerweile fast alleine. Das gefiel ihm natürlich, da er seine Blätter noch weiter ausspannen konnte und er sich vollkommen in seinem Element fühlte.

Doch gegen fünf Uhr, die Floristin hatte schon lange Feierabend, das Licht der Strassenlampe beleuchtete ihn noch schöner als sonst, aber etwas war ganz anders: kein Mensch schlenderte am Blumenladen vorbei um ihn zu bestaunen. Dasselbe galt auch für die nächsten Tage. Zudem kam die Floristin nicht zur Arbeit und somit wurde er auch nicht gegossen und gepflegt.

Als die Floristin nach den Feiertagen wieder ins Geschäft kam, musste sie feststellen, dass der stolze Weihnachtsstern aus Traurigkeit alle Blätter fallen liess. Sie nahm den Topf und warf die Pflanze in den Müll.

2008

Diese Geschichte darf nicht ohne Genehmigung veröffentlicht werden.

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